Reingehört!



Basta con silencio!
zum Heulen


Ausgelaugt und völlig durchgeschwitzt komme ich heraus. Der kalte Wind drückt durch mein nasses Hemd, es dauert keine Minute, da ist mein Körper wieder auf Normaltemperatur und die Sinne sind klar wie die Nacht. Das sind die Augenblicke die ich liebe, die mir Kraft schenken für den Alltag. Ein kleiner Club mit mieser Luft und einem guten Sound, dazu eine Band die nicht vor ihrem Publikum spielt, sondern mit ihnen. Solche Momente habe ich in den letzten Jahren mit Basta con silencio! erlebt. Sie rockten jeden Club und jede Kleinkunstbühne zwischen Harz und Heide in Grund und Boden. Soviel Energie, soviel Emotionen habe ich auf keinem Konzert erlebt. Ein ausgelassenes, tanzendes Publikum das für drei Stunden all seine Alltagssorgen vom Frontmann Antonio ausgeblasen bekommt. Diese Band lebt ihre Lieder und lässt dich mit vollen Zügen an ihrem Leben Teil haben. Doch was gestern Abend geschah, war ganz anders. Beim betreten des Saales hätte es mir schon auffallen müssen. Es gab kaum Stehplätze, überall waren Sessel in kleine Sitzgruppen aufgestellt die einen zum reinfletzen und abhängen animierten. Mein netter, schmuddeliger Rock Club hatte sich zu einer fast sterilen Lounge mit überdimensionaler Chill-out Area verwandelt. Die kleinen Tische waren bestückt mit Kerzen und großen Packungen Kleenex. Beim Anblick der Kosmetiktücher schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich mich wohlmöglich im Club geirrt hatte. Vielleicht hat das hier alles weniger mit rocken zu tun, sondern eher mit swingen. Ehe, ich diesen Gedanken weiter ausbauen konnte wurde ich von der Bühnencrew überrascht, die Sage und Schreibe aus zwei Roadies bestanden. Wie wollen die beiden in der nächsten halben Stunde das ganze Equipment auf die Bühne bringen und auch noch sicherstellen, dass aus den Boxen ein brauchbarer Sound kommt? Der Raum füllte sich und ebenso die Sessel, die Roadies verschwanden und auf der Bühne standen neben dem Mikro eine Gitarre, daneben ein Cello und ein übersichtliches Sortiment an Percussion Instrumenten. Das war der Zeitpunkt in dem ich das Bedürfnis verspürte noch mal meine Eintrittskarte zu kontrollieren. Mir schien das ich der einzige war der nicht wusste was kommt, während die Rest Audienz ausgerüstet mit Kosmetiktüchern in den Händen, gespannt und fast lautlos auf die Bühne starrte. Die Ruhe wurde unterbrochen als Antiono aus dem Nichts vor dem Mikrophon erschien und ohne Ansage anfing „no silencio por mio corazón” zu singen. Jetzt hatte ich es begriffen, die Melodie wurde von einem schluchzenden, weinenden Publikums-chor begleitet. Nach dem dritten Song konnte ich mich nicht mehr halten, ich ließ mich in einen Sessel fallen und griff zur Kleenex–Box. Die folgenden Lieder machten aus meinem Herzen Carpaccio, mit einem Samuraischwert der Gefühle hauchdünn in Scheiben geschnitten. Am Ende war ich umhüllt von Melancholie, gefesselt von Melodien und Texten die einen nicht mehr los ließen.

Das nächste Konzert von Basta con silencio! ist in Pullman City und ich bin gespannt, ob die Band mit diesem Programm die Cowboys dort begeistern kann. Nach Brokeback Mountain hieß es „even gay cowboys get the blues“, diese Einschränkung könnte in Pullman City überschritten werden. Es wäre nicht die erste Überraschung dieser Band.

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